Aktuelles 2020

Wie viele Ostdeutsche arbeiteten 1989 für sowjetische Geheimdienste?

In Buchlesungen und persönlichen Gesprächen bezweifelte etwa jeder vierte Leser meine Darstellung, dass die Sowjetunion hinter dem Mauerfall stand. Konnte ich die politische und wirtschaftliche Lage der Sowjetunion als Ursache und durch die Dechiffrierung des Begriffs Perestroika diese als Mittel zum Zweck ausführlich erläutern, so fehlten mir bei der Schilderung des Ablaufs des Mauerfalls durch Einsatz inoffizieller Mitarbeiter des KGB belastbare Angaben, wie Personenkreis und Anzahl dieser IM in der DDR. Meine Sicht beruhte auf Indizien, nicht auf nachgewiesenen Fakten.

Das Argument einiger Leser “Ich habe nach KGB-IM gegoogelt und nichts gefunden“ sollte mir wohl sagen, dass es, wenn es etwas nicht im Internet gibt, es auch nicht im richtigen Leben vorhanden ist. Aber es kann viele Gründe geben, warum dazu nichts im Internet zu finden ist.

Dann erschien am 17. September 2019 das Buch von Dr. Peter-Michael Diestel, dem damaligen Innenminister der im März 1990 frei gewählten Regierung der DDR. Der Titel: In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit. Er schreibt auf Seite 211: „Zwei Generäle aus meiner unmittelbaren Umgebung offenbarten sich mir unter vier Augen. Ich bin der und der, habe das und das gemacht und bin auch Offizier der Sowjetarmee.“ Auf Seite 241 lesen wir: „Bei der Ausübung ihres Dienstes kamen zwischen 1949 und 1990 mindestens 26 DDR-Grenzer ums Leben. Das letzte Opfer, Horst Hnidyk, wurde von einem fahnenflüchtigen Sowjetsoldaten am 3. August 1989 erschossen.

Die zweite Aussage unterstreicht die Bedeutung der Wahl des Tages des Mauerfalls (wie im Buch beschrieben) zu einem Zeitpunkt, als die sowjetischen Truppen aufgrund der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution (7. November) kaserniert waren – bis zum 12. November. Damit wurde die Fahnenflucht von bewaffneten Sowjetsoldaten bei Maueröffnung unterbunden.
Näheres finden Sie im Teil 1, Kapitel 3 „Warum wurde der Mauerfall zum 9. November geplant?

“Ich schrieb daraufhin an Herrn Dr. Diestel und bat um weitere Informationen zum Thema inoffizielle deutsche KGB-Mitarbeiter. Am 04.12.2019 antwortete mir der ehemalige DDR-Innenminister: „In der Zeit, als ich politische Verantwortung getragen hatte und die DDR keinen aktiven Nachrichtendienst mehr besaß, gingen wir überschlägig von 50.000 Mitarbeitern des KGB aus, die in ganz Deutschland tätig waren“.Die Zahlen stammen offenbar von den West-Alliierten. Vermutlich wurden die hauptamtlichen und informellen Mitarbeiter der sowjetischen Geheimdienste KGB und GRU in Deutschland  zusammengezählt. Da bis Ende der DDR in der NVA von der Spitze bis zur Ebene Division sowjetische Offiziere als Berater tätig waren und diese (vermutlich) von den Sowjets über den militärischen Nachrichtendienst  GRU geführt wurden, könnte diese Anzahl aus meiner Sicht bei maximal 15.000 ostdeutschen IM beider sowjetischer Dienste gelegen haben, bedingt durch eine hohe Anzahl von NVA-Angehörigen, die sich dem GRU verpflichtet hatten. Der KGB hatte seit 1949 ständig zwischen 1.000 und 1.200 hauptamtliche Mitarbeiter in der DDR.
Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter des GRU ist mir nicht bekannt.

Zur Erinnerung: Zum Ende der DDR gab es bei NVA und Grenztruppen etwa 40.000 Offiziere, bei einer Gesamtstärke von etwa 200.000 Militärangehörigen. Hinzu kamen bei den bewaffneten Organen noch die Volkspolizei, die kasernierten Einheiten des Innenministeriums und das Wachregiment des MfS. Von den etwa 90.000 hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS 1989 dürften etwa 17.000 Offiziere gewesen sei, so dass mit etwa 60.000 Offizieren in der DDR im Jahre 1989 gerechnet werden konnte. Von diesen dürfte vielleicht jeder Fünfte beim GRU oder KGB eine Verpflichtungserklärung unterschrieben haben.

Bedenkt man, dass es nach Angaben der Stasi-Unterlagenbehörde 1990 in der BRD etwa 2.000 Agenten der DDR gab, so dürfte die Anzahl der für sowjetische Dienste arbeitenden Bundesbürger nur einen Bruchteil betragen haben. Die personellen Ressourcen für die Führung und Überwachung eines Agenten (damit immer ausgeschlossen wird, dass er „doppelt trägt“ und so eine Gefahr für die Unterwanderung des eigenen Dienstes darstellt) im Feindesland waren beträchtlich und mussten im Falle sowjetischer Agenten in der BRD über die Sprachbarriere im Ausland koordiniert werden. Da hatte es Markus Wolf leichter.

Ehemalige Offiziere der NVA haben mich jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass der sowjetische militärische Geheimdienst GRU auch für die Spionageabwehr bei den etwa 500.000 Militärangehörigen (Soldaten, Offiziere und ihre Familienangehörigen, Zivilangestellte) zuständig war und damit den größte Anteil an hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern der von Herrn Dr. Diestel erwähnten 50.000 gestellt haben dürfte.

Das Fehlen ausführlicher Informationen zu diesem Thema dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass die Alliierten daran kein Interesse hatten. Parteifunktionäre, Politiker, hohe Beamte und Offiziere mit Verpflichtungserklärung für einen fremden Staat –  das passte und passt auch heute nicht ins Raster. Eine ausführliche Darstellung ausschließlich zu den ostdeutschen IM der sowjetischen Dienste wie oben beschrieben, hätte aber die Frage provozieren können, wie es denn bei den West-Alliierten gewesen war. Wer wollte diese Frage im Internet lesen und auch noch heute beantworten müssen?

Wird darum die Erzählung von den friedlichen Revolutionären, die den Mauerfall herbeiführten, im 30 Jahr von Mauerfall und deutscher Einheit mit solcher Inbrunst bundesweit vorgetragen und von der Bundesregierung mit 60 Mio. Euro bezuschusst? Ich glaube, dass dafür auch noch ein weiterer Grund vorhanden ist.

Die Öffnung der Archive des Außenministeriums in Moskau erfolgt ebenfalls nach 30 Jahren – sofern Vorgänge nicht weiter als geheim deklariert werden. So ist zu erwarten, dass sich in wenigen Monaten die Erzählung von den friedlichen Revolutionären als Auslöser des Mauerfalls als Märchen erweist.


13.01.2020