Exposé

1989 Mauerfall Berlin – Zufall oder Planung?

Auch noch 30 Jahre nach Mauerfall assoziieren weltweit die Menschen Berlin mit der Mauer. Im Jahr 2018 besuchten mehr als 5,4 Millionen ausländische Touristen Berlin. Sie kamen überwiegend aus Europa und 1,6 Millionen Besucher aus allen anderen Erdteilen: Aus Asien 512.000 und beiden Amerikas 713.000.

Fast alle Besucher besichtigen Mauermuseum, Mauergedenkstätte, Reste der Berliner Mauer und bestaunen die farbigen Pflastersteine in der Innenstadt, die den einstigen Mauerverlauf markieren. Selfies vor den letzten Mauersegmenten sind ein Muss.

Aber spätestens auf die Frage, warum die Mauer fiel, herrscht bei den Antworten ein babylonisches Stimmengewirr und man versteht bis heute nicht, wer für den Mauerfall verantwortlich war.
Die offizielle deutsche Lesart: Es war die friedliche Revolution der DDR-Bürgerrechtler. Sie öffnete am 9. November 1989 die Grenzübergänge in Berlin, weil die Grenzer einsichtig waren.

„Nein“ antworteten Philip Zelikow und Condoleezza Rice in ihrem Buch Germany Unified and Europe Transformed, Harvard University Press 1995, es war der Zufall und die Unfähigkeit des DDR-Regimes, die den Massen auf der Straße die Macht überließen – deshalb fiel die Mauer. Beide Autoren waren zum Zeitpunkt der Maueröffnung Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates der USA.

Den Zufall als Auslöser sieht auch Mary Elise Sarotte in ihrem Buch The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall, Basic Books N.Y. erschienen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014. Sie ist Professorin für Historical Studies an der John Hopkins School of Advanced International Studies (SAIS) in Washington DC.

Sehr aufschlussreich sind die Äußerungen von Egon Krenz, vom 18. Oktober bis 3. Dezember 1989 Nachfolger Erich Honeckers in der Funktion des Generalsekretärs der SED.
Anlässlich der Vorstellung seines Buches Wir und die Russen – Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst '89 im Haus der Russischen Wissenschaften und Kultur in Berlin sagte Krenz im Juli 2019 vor über 500 Anwesenden: „Ich ärgere mich auch darüber, wie die Öffnung der Grenze ablief, und bin darauf nicht stolz.“ Aber keiner der Anwesenden und auch nicht der Reporter des Sputnik hakte nach und fragte: „Wie verlief denn genau die Öffnung der Grenze?“ Offensichtlich ist die Antwort darauf bis heute ein Tabu, sowohl im Osten als auch im Westen.

Dann zitierte Krenz den sowjetischen Botschafter Kotschemassow, der zu ihm am 10. November 1989, auf die beiden Geheimdienste KGB und GRU anspielend, sagte (Seite 259):„Bedenken Sie aber bitte auch, dass ich zwar der sowjetische Botschafter bin, es gibt aber noch andere sowjetische Institutionen in der DDR, über die ich nicht Bescheid weiß.“ https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190713325428773-krenz-ueber-1989/

Krenz schreibt im Buch, die „anderen sowjetischen Institutionen“ betreffend, auf Seite 260:„[1988] löste ein vermeintlicher KGB-Mitarbeiter ein kleines Erdbeben aus. Er hatte einem DDR-Bürger in Schwerin tendenziöse Fragen nach der Stimmung im Lande gestellt, dessen Antwort heimlich mitgeschnitten, dann aber das Band verloren. Die Abschrift gelangte über Umwegen auf Honeckers Schreibtisch. Der forderte die Ausweisung des Residenten des KGB. Dabei stellte sich heraus, dass der Betreffende weder von der Botschaft noch von der offiziellen KGB-Vertretung in Karlshorst kam. So mussten wir annehmen, dass eine nichtlegale sowjetische Vertretung in der DDR arbeitete.

“Der letzte Innenminister der DDR (PM Diestel) schreibt zum bis jetzt verdrängten Thema „sowjetische Dienste in der DDR und ihre ostdeutschen Mitarbeiter“ in seinem Buch: In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit  (Seite 211):“Zwei Generäle aus meiner unmittelbaren Umgebung offenbarten sich mir unter vier Augen. Ich bin der und der, habe das und das gemacht und bin auch Offizier der Sowjetarmee. »Das sind Sie nicht«, antwortete ich. »Sie sind General im Innenministerium der DDR und ich bin Ihr Chef.«
Auf Seite 241 lesen wir, das Thema „ermorderte Grenzsoldaten“ betreffend: „Bei der Ausübung ihres Dienstes kamen zwischen 1949 und 1990 mindestens 26 DDR-Grenzer ums Leben. Das letzte Opfer, Horst Hnidyk, wurde von einem fahnenflüchtigen Sowjetsoldaten am 3. August 1989 erschossen …“.

Auffällig ist, dass zwei handelnde Personen dieser Zeit in keinem der vielen Bücher zum Mauerfall erwähnt werden.

So fehlt beispielsweise immer der Name Wladimir Semjonow, Sonderbotschafter der UdSSR und von 1986 bis zu seinem Tod 1992 in Köln wohnhaft.

Dieser Diplomat war schon 1940 sowjetischer Botschaftsrat in Berlin und machte sich damals Gedanken über die Enteignung der Großbauern, falls die Sowjetarmee einmal nach Deutschland komme.
1945 schickte ihn Stalin als Politischen Berater in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und er begann sofort die Enteignungen vorzubereiten, über die er 1940/41 schon nachgedacht hatte.  
Er war einer der Verantwortlichen für die Luftblockade Westberlins 1948/49 und danach an der Gründung der DDR maßgeblich beteiligt. 1953 gab er als Hoher Sowjetischer Kommissar in Deutschland den Befehl zur Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953.

1958 war Semjonow federführend für das Berlin-Ultimatum Chruschtschows und danach, als die West-Alliierten nicht darauf eingingen, bei der Vorbereitung des Mauerbaus. Im Außenministerium erhielt er damals den Spitznamen  „Spezialist für Okkupationspraxis“.

Bis 1978 war er stellvertretender Außenminister und wurde dann zum Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der Sowjetunion in Bonn ernannt. Im Mai 1986, nach seiner Abberufung, wurde er Sonderbotschafter mit Wohnsitz in Köln.

Auch ein anderer Hauptdarsteller dieser Jahre fehlt regelmäßig in der Mauerfall-Literatur. Vernon Walters wurde 1985, obwohl schon acht Jahre im Ruhestand, UN-Botschafter der USA und in dieser Eigenschaft Mitglied des Kabinetts von Präsident Reagan. So war er über alle vertraulichen Erkenntnisse zur Sowjetunion bestens informiert.

Als George Bush Senior im Januar 1989 sein Amt als neugewählter Präsident antrat, trafen sich alte Bekannte. Während Bush in den 70ziger Jahren Chef der CIA war, beschäftigte sich sein Stellvertreter Walters hauptsächlich mit Regime-Change in Südamerika. Der Putsch in Chile 1973 war sein Werk.

Im April 1989 trat Walters im Alter von 72 Jahren seinen Job als Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der USA in Bonn an, 40 km entfernt vom Wohnort des sowjetischen Sonderbotschafters. Dieser war damals 78 Jahre alt. Haben zwei alte weiße Männer – der eine als Fachmann für Regime-Change und der andere als Spezialist für Okkupationspraxis – den Mauerfall mit anschließender Übergabe der DDR an den Westen ausgehandelt? Waren sie die Totengräber?

Sicher wollen Sie jetzt wissen, wer diese ketzerischen Gedanken äußert. Es ist ein Zeitzeuge, der in einem sehr speziellen Job Beobachter der Ereignisse dieser Jahre war.

Seit April 1986 war ich – Ostberliner – Vertreter eines Dow-Jones gelisteten Konzerns in dessen Ostberliner Repräsentanz. Ich hatte seither einen West- und einen Ostblick der Lage.Anfang 1990 wurde ich zum Büroleiter berufen und nach dem Ende der DDR übernahm ich die Gründung und Führung der Repräsentanz in Moskau, damals noch Hauptstadt der UdSSR.
In verschiedenen Funktionen und Unternehmen war ich bis Ende 1997 in Moskau tätig und hatte in diesen Jahren viele Kontakte zu Bürgern Russlands, die in der DDR stationiert waren und mir ihre Sichten des Mauerfalls und zum Ende des Kommunismus im Ostblock erzählten.

Ich begann, die Neuerscheinungen zu Mauerfall und deutscher Einheit auszuwerten, darunter auch das Buch eines Exil-Ungars, Joseph Pozsgai: Der Preis der Wende.

In diesem Buch beschreibt er, dass nach seinen vertraulichen Quellen Gorbatschow kurz nach Amtsantritt 1985 den Amerikanern einen Deal vorgeschlagen haben soll. Die Sowjetunion würde die Beschlüsse von Jalta (1945) aufkündigen und sich aus Osteuropa zurückziehen. Das würde den kostspieligen Kalten Krieg beenden und den Ostblock wieder in die Weltwirtschaft integrieren.
Er forderte die Zusicherung, dass, bei Abschaffung des sozialistischen Systems in der Sowjetunion und des Ostblocks, das Volkseigentum durch die Funktionäre privatisiert werden kann. Und Garantien, dass es seitens des Westens keine politischen Prozesse gegen ehemalige Funktionäre geben würde (Menschenrechts-Gerichtshof).

Betrachten wir die letzten 30 Jahre und den Aufstieg der Oligarchen, so hat die Geschichte diesen Deal bestätigt. Der Staatssozialismus in Osteuropa war 1991 schlagartig Geschichte, auch gab es keine politischen Prozesse. Nur im wiedervereinigten Deutschland erhielt die ehemalige Machtelite der DDR keinen Zugriff auf das Staatsvermögen und es gab einige Gerichtsverfahren mit eher symbolischen Verurteilungen.

Damit Gorbatschow den Sozialismus abschaffen und die Funktionäre das Volkseigentum privatisieren konnten, musste zuerst die Mauer fallen, im 2. Schritt Deutschland wiedervereinigt werden und danach über eine halbe Million sowjetische Soldaten aus Deutschland und Osteuropa abmarschieren.

Um Unruhen unter den Kommunisten in der DDR, UdSSR und des Ostblocks vorzubeugen, musste der Mauerfall in einer Art und Weise erfolgen, dass niemand später rekonstruieren konnte, dass die Sowjets dafür verantwortlich waren. Die Entwicklung und Umsetzung dieses Szenarios gilt bis heute als Meisterleitung der Geheimdienst-Experten für Wahrnehmungs-Management.

Die trickreiche Umsetzung des Moskauer Drehbuchs am 9. November 1989 durch DDR-Offizielle –  unter Regie des KGB – mache ich sichtbar anhand von Indizien, bestehend aus vielen kleinen Mosaiksteinen.
Sie zeichnen die Konturen des immer noch geheimen Drehbuchs.

Dabei erweist sich dieser Hinweis des ehemaligen US-Präsidenten Franklin Roosevelt als sehr hilfreich: „In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, dass es auch auf dieser Weise geplant war.“

Sie sind herzlich eingeladen, an dieser spannenden Recherche teilzunehmen.
Michael Wolski
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