Exposé

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2021 jährt sich zum 30. Mal der Jahrestag des Endes der Sowjetunion und damit des Staatssozialismus in Europa.
Sucht man im Internet, findet man viele Gründe für den Zerfall der Sowjetunion, aber der unmittelbare Auslöser wird verschwiegen, obwohl er bekannt ist. Denn dessen Veröffentlichung hätte vor 30 Jahren eine ungeheure politische Sprengkraft gehabt.

Jetzt sind 30 Jahre vergangen und Archive in Moskau, aber auch in Berlin und Washington können geöffnet werden. Lassen wir uns überraschen.

Schloss Cecilienhof in Potsdam, Ort der Potsdamer Konferenz 1945

Adobe Stock_312 905836 Schloss Cecilienhof in Potsdam, Ort der Potsdamer Konferenz 1945

Vielleicht waren Sie bewusster Zeitzeuge der Jahre 1986 -1995, der Zeit von Perestroika, Glasnost und Privatisierung in der Sowjetunion und Russland aber auch des Berliner Mauerfalls, deutscher Einheit und Einbindung der ehemaligen sozialistischen Länder Osteuropas in die westliche Wertegemeinschaft.

Was erzählen Sie heute als Zeitzeuge Ihren Kindern oder Enkeln, warum die UdSSR zerfiel und so die grundlegenden politischen Änderungen in Europa eingeleitet wurden? Verweisen Sie auf das Internet und sagen: Suche dir eine Antwort aus? Wie beantworten Sie die Frage: Gab es ein historisches Ereignis, welches den Zerfall auslöste? Vergleichbar der Oktoberrevolution, die 1917 dem abgewirtschafteten System aus Zarenhof, Adel, Geheimdiensten und Militär den Todesstoß versetzte?

Meine Antwort ist: Ja, es gab dieses Ereignis. Sie haben davon gehört, aber es bisher nicht als Auslöser für den Zerfall der Sowjetunion gesehen – denn es fand in Berlin statt und die Menschen jubelten.

Als Ostberliner Zeitzeuge der Jahre 1986-1990 lade ich Sie ein, mich auf meiner Zeitreise zu begleiten. Damit können Sie die Ereignisse, die den Zerfall der Sowjetunion einleiteten, wie mit einer Lupe betrachten.

In der DDR waren damals etwa 340.000 sowjetische Soldaten stationiert sowie ein Kontingent von mehreren tausend Mitarbeitern beider Geheimdienste. Nach Angaben westlicher Dienste (mitgeteilt vom letzten DDR-Innenministers Diestel) hatten KGB und GRU etwa 50.000 Informanten auf dem Gebiet der DDR.

In diesem Buch wird erstmals der innere Zusammenhang Berliner Mauerfall 1989/geplante Deutsche Einheit mit den deutsch-russischen Verträgen von 1939 und deren Ungültigkeitserklärung am 24.12.1989 in Moskau dargestellt.
War der 9. November 1989 in Berlin der Auslöser für den Zerfall der Sowjetunion, so kann man diesen 24. Dezember 1989 in Moskau als Tag Nummer 1 bezeichnen. Nach weiteren 730 turbulenten Tagen war dann die Sowjetunion Geschichte.

Dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit widmete der Moskauer TV-Kanal Rossija 1 am  4. Oktober 2020 die Dokumentation ‚Stena‘ Interessant ist, dass dieser Bericht über die Phase der Vorbereitung der Deutschen Einheit seit Beginn des Jahres 1990 direkt mit dem Mauerbau 1961 und Mauerfall verknüpft wurde, aber die Sendung den Titel „Mauer“ erhielt – und nicht „Deutsche Einheit“.

In diesem Film wurde erstmals in Russland in einem Massenmedium offiziell vom Verrat an der DDR durch die damalige politische Führung der UdSSR im Prozess der Vereinigung gesprochen.

Auch Egon Krenz (letzter SED-Generalsekretär) und Hans Modrow (letzter kommunistischer DDR-Ministerpräsident) äußerten sich im Interview in diesem Sinne.

Es gab weder im deutschen Mainstream noch bei den alternativen Medien bisher eine Rezension. Vielleicht erklärt sich das Schweigen so: Nach aktueller Erzählung des Westens fiel die Mauer aufgrund der Aktivitäten der friedlichen Revolutionäre im Osten und die deutsche Einheit entsprach dem Wunsch der meisten DDR-Bürger. Von Verrat an der DDR durch die sowjetische Führung und ihrer Übergabe an den Westen ist da nicht die Rede.

Den Film ‚Stena‘ könnte man als Fortsetzung meines Buches bezeichnen, nimmt er doch den Mauerfall als Voraussetzung für die Einheit, ohne jedoch darauf einzugehen, wie und durch wen er geschah. Aber wie haben die Verantwortlichen in Moskau den Mauerfall als Vorbedingung zu der von ihnen seit 1986 geplanten Deutschen Einheit realisiert? Wie lief die erste Etappe des ,Verrats’ am 9. November 1989, warum kam es dazu? Das erfahren Sie bis jetzt nur in meinem Buch.

Noch wird von der Politik und den Historikern kein direkter Zusammenhang zwischen dem Mauerfall in Berlin und dem Zerfall der Sowjetunion zwei Jahre später hergestellt.
Ihr Narrativ geht von der Korrelation zweier Ereignisse aus.
Sie sprechen von einer revolutionären Situation in den Staaten des Warschauer Paktes (DDR, Polen, Ungarn, CSSR, Rumänien, Bulgarien), die dazu führte, dass deren kommunistischen Regimes in freien Wahlen durch bürgerliche Regierungen ersetzt wurden. Die Sowjetunion – Führungsmitglied des Warschauer Paktes – zerfiel parallel, weil sie wirtschaftlich und politisch am Ende war.

Da ich erstmals eine Verbindung von Berliner Mauerfall und Zerfall der Sowjetunion herstelle, zeige ich eine Kausalität auf. Deshalb wird die Geschichte vom Mauerfall und Ende der UdSSR als Ergebnis von Ursache und Wirkung von mir neu erzählt.

Der Leser erfährt wie es geschah, dass der von der UdSSR initiierte Mauerfall zum Auslöser ihres Zusammenbruchs aber auch der des Warschauer Pakts wurde.

Schon 1986 machte sich der sowjetische Außenminister Schewardnadse Gedanken um die Wiedervereinigung Deutschlands. Honecker war 1987 in einem Treffen mit Gorbatschow und Schewardnadse kategorisch gegen ihren Vorschlag, die Mauer zu beseitigen. Detailliert wird anhand öffentlich zugänglicher Information gezeigt, wie der Mauerfall am 9. November 1989 in einer verdeckten Aktion erfolgte, um damit den Weg zur deutschen Wiedervereinigung, wie von der Sowjetunion gewünscht, freizumachen.

Bisher wurde der wahre Ablauf des Mauerfalls vom Westen und den Russen aus unterschiedlichen Gründen geheim gehalten. Beide sprechen offiziell von den „friedlichen Revolutionären“, die am 9.11.1989 einen großen Druck auf der Straße aufbauten, dass die Grenzsoldaten in Berlin gezwungen waren die Übergangsstellen zu öffnen. Mehr dazu im Buch.

Grafik Sektorgrenzen - Mauerfall Berlin

Adobe Stock_3439637 Sektorengrenzen Berlin 1945-1990

Jedoch mehren sich seit 2019 alternative Stimmen, die andere Aussagen treffen:

• Der bekannte deutsche Politologe und Russland-Spezialist Dr. Alexander Rahr, nannte am 8. November 2019 in einem Interview mit der Zeitung des russischen Parlaments erstmals diesen Grund für den Mauerfall und wie er von den westlichen Medien uminterpretiert wird: „Wir alle erinnern uns daran, dass die Berliner Mauer aufgrund der sowjetischen Perestroika zusammenbrach, während der Moskau im Rahmen der Transformation und der Reformen einen gewissen Druck auf die DDR-Führung ausübte. Als Folge dieses Drucks öffnete Ostdeutschland seine Grenzen. Im modernen Deutschland werden die Ereignisse von 1989 als ein bedingungsloser Sieg des Westens gefeiert, der so stark war, dass er die Mauer niederriss”. Laut Rahr „muss sich der Westen in dieser Erzählung anerkennend auf die Schulter klopfen, seine Überlegenheit zeigen, den Sieg demonstrieren, den es eigentlich gar nicht gab.“ Zeitung des russischen Parlaments

• Der im Oktober 1989 gewählte Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (Kommunisten), Egon Krenz, veröffentlichte in seinem Buch Wir und die Russen – Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst ’89 im Jahr 2019 erstmals diese Information über sein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter am Morgen des 10. November 1989, nur wenige Stunden nach der Grenzöffnung in Berlin. Der Botschafter sagte zu ihm, auf die sowjetischen Geheimdienste GRU und KGB anspielend:„Bedenken Sie aber bitte auch, dass ich zwar der sowjetische Botschafter bin, es gibt aber noch andere sowjetische Institutionen in der DDR, über die ich nicht Bescheid weiß.“ Seite 259.

• Dr. Peter-Michael Diestel, der letzten Innenminister der DDR, nannte in einem Interview mit Sputniknews.com vom 07.06.2020 erstmals nach dem Mauerfall die Anzahl der informellen ostdeutschen KGB-Mitarbeiter in der DDR:
“Und … der KGB hatte ja wohl auch noch 50.000 Leute in der DDR“.
(Die Webseite Sputniknews.com existiert leider nicht mehr)

• Diestel schreibt 2019 in seinem Buch In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit :“zwei Generäle aus meiner unmittelbaren Umgebung offenbarten sich mir unter vier Augen. Ich bin der und der, habe das und das gemacht und bin auch Offizier der Sowjetarmee.“ Seite 211.

Mein Buch 1989 Mauerfall Berlin – Zufall oder Planung? erschien wenige Wochen vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls. Ich beschreibe erstmals, wie die Sowjetunion am 9. November 1989 diesen Druck auf die DDR ausübte. Die sowjetischen Geheimdienste übernahmen an diesem Tag mithilfe ihrer hochrangigen Agenten in den Behörden und der Armee der DDR die Macht über die Medien und das Grenzregime und realisierte durch Tricks und Täuschung die unblutige Grenzöffnung.

Erinnern wir uns: Gorbatschow wurde im März 1985 gewählt und trat mit dem Konzept von Perestrojka und Glasnost an. Was man darunter verstand, wurde im Osten und Westen unterschiedlich interpretiert. Heute wissen wir, dass darunter auch das Konzept des Rückzugs aus den Vereinbarungen von Jalta und die Beendigung des Sozialismus in der UdSSR und den sozialistischen Ländern des Warschauer Paktes verstanden wurde.
Das Wissen um die Einführung der Marktwirtschaft und Privatisierung des Volkseigentums durch die kommunistische Führungselite gehörte ebenfalls dazu – so man zu den wenigen Eingeweihten in Ost und West gehörte. Dazu in der hier vorliegenden erweiterten und überarbeiteten Ausgabe des Buches mehr.

Vermutlich ahnten die Planer der Deutschen Einheit zu Beginn ihrer Aktivitäten 1986 nicht, welcher „Sprengstoff“ im Archiv lag und dann bei der Veröffentlichung der Protokolle „explodieren“ würde. Der Grund dafür lag in zwei Verträgen und ihren Geheimprotokollen zwischen der UdSSR mit dem Deutschen Reich von 1939. Die Geheimprotokolle waren seither unter Verschluss und nur sehr wenigen Funktionären bekannt. Sie mussten am 24. Dezember 1989 – nur 6 Wochen nach dem erfolgreichen Mauerfall – vom Volksdeputiertenkongress in Moskau für ungültig von Anfang an erklärt werden, bevor 1990 die UdSSR ihre Zustimmung zur deutschen Einheit geben konnte.

Anderenfalls hätte Deutschland später einmal Stadt und Gebiet Königsberg, die Stalin 1946 in die UdSSR als Kaliningrad eingliederte, zurückfordern können. Denn im deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 war der exakte Grenzverlauf zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion markiert. Dieser Vertrag war 1989 immer noch gültig.
Allerdings verlief bei Vertragsunterzeichnung 1939 die Grenze zwischen dem Gebiet von Königsberg und der Republik Litauen. Litauen wurde erst 1940 von der UdSSR annektiert (auf Basis von Abmachungen zu Einflussgebieten in diesem Vertrag).

Insbesondere aus diesem Grund war die Existenz von Geheimprotokollen zu den beiden Verträgen von der Sowjetunion fast 50 Jahre geleugnet worden. Bei seinem Besuch in Bonn im Juni 1989 bestätigte Präsident Gorbatschow erstmals Kanzler Kohl die Existenz von Geheimprotokollen.

Mit der Ungültigkeitserklärung Ende 1989 wurden die Protokolle nach 50 Jahren weiten Teilen der Öffentlichkeit bekannt und es erfolgte damit das offizielle Eingeständnis der Sowjetunion, dass die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen 1940 von Stalin in Absprache mit Hitler annektiert worden waren.

Eine Ironie der Geschichte. Durch den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurde der Krieg mit der UdSSR ausgelöst, den Deutschland 1945 verlor und im Ergebnis auf fast 110.000 km2 von der Sowjetunion militärisch besetzt wurde. Mit dem Berliner Mauerfall, der Deutschen Einheit, und dem nachfolgenden Truppenabzug aus Deutschland schuf die Sowjetunion selbst den Anlass für ihre Auflösung. Das Eingeständnis der sowjetischen Führung Ende 1989, dass die baltischen Staaten im Jahre 1940 annektiert wurden, veranlasste im Frühjahr 1990 die drei baltischen Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu erklären. Sie wurde dann nach dem versuchten Putsch gegen Gorbatschow im August 1991 vollzogen, die Republiken wurden international anerkannt und in die UN aufgenommen. Andere Sowjetrepubliken folgten.

Am 6. November 1991, dem Vorabend des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution von 1917, verbot Boris Jelzin in der Russischen Sowjetrepublik die Kommunistische Partei der Sowjetunion.

Die UdSSR kollabierte politisch führungslos Ende 1991, die Ideen von Marx, Engels und Lenin wurden in Europa begraben, das sozialistische Experiment war vorerst gescheitert.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Zeit beim Lesen.

Michael Wolski
Berlin, 8. Mai 2021